Die "Brustschimpfphase"
Ein besonderes Kapitel bildet die schwierige "3-Monats-Phase" (die bei vielen
Kindern später auftritt als die Bezeichnung vermuten lässt), die sehr
anschaulich in der Fachpublikation der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung "Stillen und Muttermilchernährung", Ausgabe 2001, S. 67 beschrieben wird:
"Die meisten Frauen berichteten von Blähungen in dieser Zeit, in der das Kind
gerade beim Stillen untröstlich zu weinen anfängt - die "Brust-Schimpf-Phase",
wie es die Psychoanalytikerin Melanie Klein nennt. Frauen, die sich damit
befasst hatten, empfanden deren Erklärungsmodell besonders entlastend: Das Kind
trinkt, setzt ab, weint wütend, will nicht trinken. Statt in Schweißausbrüche,
Ratlosigkeit und Wut zu verfallen, regt das Klein'sche Modell zum Verständnis
dessen an, dass das Kind nach drei Monaten zu "begreifen" beginnt, dass es nicht
mehr eins mit der Mutter ist, sondern die Brust etwas ist, was nicht zu ihm,
sondern zur Mutter gehört. Sie kann den Milchquell geben oder entziehen. Diese
traurige Entdeckung setzt das Baby durch das "Anschimpfen" der Brust - wie eine
erste Pubertät - selbst in Szene, und auf diese Weise übt es die erste
Eigenständigkeit ein. Frauen, die diese Situation - das Kind ist hungrig,
trinkt, setzt ab, schreit wütend los, lehnt die erneut angebotene Brust ab -
nach diesem Denkansatz verstehen, schaffen es leichter weiterzustillen. Denn sie
verarbeiten das abweisende Gebrüll und Verhalten nicht als Kritik an Milch,
Menge, Nippel, Brust, Halteposition oder Stillsituation, sondern als einen
ersten Schritt auf dem Weg, das eigene Selbst zu entdecken. Wenn die Mutter in
dieser 3-Monats-Phase jedoch zusätzlich einem besonderen Druck vom Partner
ausgesetzt ist, bildet diese Zeit oft den Grund, das Stillen aufzugeben nach dem
Motto: "Die Milch hat nicht mehr gereicht. Das Kind hat ja nur noch geweint.“