Das biologische Abstillalter
Utta Reich-Schottky, Bremen 2002
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Stillen sichert das Überleben
Stillen ist seit vielen Millionen Jahren eine äußerst erfolgreiche
Fortpflanzungsstrategie. Die ältesten bekannten Säugetiere stammen aus der Zeit
vor 210 bis 220 Millionen Jahren. Vor ca. 60 Millionen Jahren begann ihre
explosive Verbreitung und Weiterentwicklung. Zeit genug, dass sich die
Stilldauer bei jeder Säugetierart auf die für sie optimale Länge einspielen
konnte. Beim Menschen nun sind Stillen und Abstillen nicht nur biologisch,
sondern in hohem Maße kulturell bestimmt - in jeder Kultur, bei den Sammlern und
Jägern wie in der heutigen Zivilisation. Kulturvergleiche und historische
Forschungen zeigen, dass in der Mehrzahl der untersuchten Gesellschaften die
Kinder drei bis vier Jahre lang gestillt wurden. Für viele Menschen der
westlichen Welt ggilt heute eine Stillzeit von wenigen Monaten als ‚normal`.
„In welchem Alter würden Menschenkinder vollständig abgestillt, Wenn dieser
Vorgang ausschließlich von physiologischen Überlegungen abhinge?"
Diese Frage hat Katherine Dettwyler gestellt, eine Professorin für Anthropologie
in Texas, die unter anderem in Mali in Westafrika geforscht hat.
Die „hominide Blaupause"
Wegen der kulturellen Einflüsse auf das Stillen kann die Frage nach der
biologischen Stilldauer nicht durch Beobachtung menschlicher Gruppen beantwortet
werden. Also geht der Blick zu unseren nächsten Verwandten. Innerhalb der
Säugetiere gehört der Mensch zu den Primaten und innerhalb dieser Gruppe zu den
Hominiden (Menschenaffen). Mit Gorillas und Schimpansen teilt er ca. 98% der
Gene und einen großen Teil seiner Entwicklungsgeschichte bis zur Trennung der
Linien vor ca. 5 bis 7 Millionen Jahren. Aus Vergleichen, wann die Jungtiere
anderer Primaten nicht mehr die Brust bekommen, ergeben sich Anhaltspunkte
dafür, welche Stilldauer die Menschenkinder biologisch „erwarten".
Das Konzept der „lebensgeschichtlichen Daten"
Für einen Vergleich kann man nicht einfach das absolute Alter beim Abstillen
nehmen. Ein Tier, das nur wenige Jahre lebt und schon früh geschlechtsreif wird,
wird eine viel kürzere Stillzeit haben als ein langlebiges. Deshalb werden
lebensgeschichtliche Daten der Arten verglichen. Diese Daten sind
Durchschnittswerte für
• Schwangerschaftsdauer
• relative Größe der Neugeborenen
• Alter beim Zahnwechsel (Durchbruch des ersten bleibenden Backenzahnes)
• Alter bei Geschlechtsreife
• Körpergewicht der Erwachsenen (getrennt nach Geschlechtern)
• relative Größe des Gehirns (bezogen auf die Körpergröße)
• gesamte Lebensspanne.
Diese sieben lebensgeschichtlichen Daten zeigen innerhalb einzelner
Unterfamilien (also z.B. bei den großen Menschenaffen) eine hohe Korrelation mit
dem Abstillalter. Zwischen diesen Daten gibt es häufig Zusammenhänge und
allgemeine Tendenzen. Zum Beispiel haben größere Säugetiere und insbesondere
Primaten verglichen mit anderen Säugetieren tendenziell
• eine längere Schwangerschaftsdauer
• längere Abhängigkeit der Jungtiere
• relativ große Gehirne
• höhere Lebensdauer.
Wenn man innerhalb der Primaten Gruppen mit relativ großen Neugeborenen
betrachtet, so haben sie im Vergleich zu Gruppen mit kleinen Neugeborenen
• lange Schwangerschaften
• spätes Abstillalter
• späte sexuelle Reife
• große Gehirne
• hohe Lebensdauer.
Größere Primaten neigen dazu, die Jungtiere bezogen auf deren relative
Körpergröße später abzustillen als andere Säugergruppen. Von daher ist zu
erwarten, dass Menschen, als große Primaten mit relativ großen Neugeborenen, mit
das höchste Abstillalter innerhalb der Primaten haben.
Geburtsgewicht mal vier
Menschenaffen, Huftiere und Robben stillen ihre Jungen ab, wenn diese ihr
Geburtsgewicht ungefähr vervierfacht haben, unabhängig davon, wie lange das
dauert. Genauer gesagt: In den entsprechenden Untersuchungen wurde der Beginn
der nächsten Schwangerschaft als Indiz dafür genommen, dass das Stillen nur noch
eine untergeordnete Rolle spielte. Das Abstillen in dem Sinne, dass das Stillen
vollständig aufhörte, erfolgte in der Regel mehrere Monate später.
Wann haben Menschenkinder im Durchschnitt ihr Geburtsgewicht vervierfacht? Das
hängt in hohem Maße davon ab, unter welchen Bedingungen die Menschen leben: Ob
sie reichlich oder knapp Nahrung haben und wie gut diese Nahrung als Beikost
geeignet ist, wie die sanitären Bedingungen und die medizinische Versorgung
aussehen. Zahlen aus den USA zeigen, dass die Kinder dort im Durchschnitt
zwischen 2,25 und 2,5 Jahren dieses Gewicht erreicht haben. In Mali brauchen die
Mädchen mindestens 2,5 Jahre und die Jungen mehr als 3 Jahre, bis sie ihr
Geburtsgewicht vervierfacht haben. Wenn man zu diesem Alter noch mehrere Monate
dazuzählt, kommt man auf ein natürliches Abstillalter von etwa 3 Jahren bei gut
ernährten, gesunden Bevölkerungen und von 3 bis 4 Jahren bei schlecht ernährten,
von Krankheiten bedrohten Bevölkerungen.
Erwachsenengewicht durch drei
Beobachtungen zeigen, dass Primaten, wie viele andere Säuger, ihre Jungen
abstillen, wenn diese etwa ein Drittel des endgültigen Gewichts erreicht haben.
Bei der Berechnung dieser Formel für den Menschen besteht das Problem, dass die
Menschen über die ganze Welt verbreitet sind und das Gewicht der Erwachsenen
eine viel größere Spannbreite zeigt als bei den Primaten, die in relativ eng
begrenzten, einheitlichen Lebensräumen leben. Deshalb muss man die Daten für
unterschiedliche Populationen getrennt betrachten. Die Auswertung ergibt für die
Inuit, die Bevölkerung der USA (im Alter von 18 Jahren) und die Bambara (ein
Volk in Mali) ein erstaunlich einheitliches Ergebnis: Die Jungen erreichen etwa
mit 7 Jahren ein Drittel des Erwachsenengewichtes, die Mädchen mit 6 Jahren. Nur
bei den kleinwüchsigen !Kung in Afrika sind die Jungen schon mit 5 bis 6 und die
Mädchen mit 4 bis 5 Jahren entsprechend schwer.
Schwangerschaftsdauer mal sechs
Bei vielen kleinen Säugern dauert die Stillzeit kürzer als die Schwangerschaft.
Bei allen größeren Primaten dauert sie wesentlich länger. Bei den großen
Menschenaffen dauert sie beim Orang-Utan 4,21, beim Gorilla 6,18 und beim
Schimpansen 6,4 mal so lange. Da Gorillas und Schimpansen noch näher mit uns
verwandt sind als der Orang-Utan, kann man für den Menschen mindestens die
6fache Dauer annehmen, also 9 Monate Schwangerschaft mal 6 = 54 Monate oder 4,5
Jahre Stillzeit.
Erster bleibender Backenzahn und Reife des
Immunsystems
Bei vielen Primaten werden die Jungtiere ziemlich genau zum Zeitpunkt des
Durchbruchs des ersten bleibenden Backenzahnes abgestillt. Das ist beim Menschen
mit ungefähr 5,5 bis 6 Jahren der Fall. Auch das Immunsystem des Kindes ist erst
mit ungefähr 6 Jahren ausgereift. Bis zu diesem Alter kann die aktive
Immunantwort durch die Lymphokine in der Muttermilch verstärkt werden. Diese
Zeitgleichheit ist sehr interessant. Möglicherweise wirken die ernährungsmäßigen
und immunologischen Vorteile des Stillens bis zum Alter von 6 Jahren weiter.
Dann hat das Kind anscheinend einen Entwicklungsstand erreicht, bei dem es das
Stillen ganz hinter sich lässt.
Leute, hört zu!
Katherine Dettwyler empfiehlt ausdrücklich keine bestimmte Stilldauer. Ihr Ziel
ist es, dass „ÄrztInnen und anderen Heilberufler, Familienmitglieder, Freunde,
Bekannte, und sogar Fremde anerkennen, dass menschliche Babies, wie ihre
nichtmenschlichen Primaten-Verwandten, daraufhin angelegt sind, zu erwarten,
alle Vorteile des Stillens und der Muttermilch mindestens zweieinhalb Jahre lang
zu bekommen. Die Information, dass eine Stillzeit von drei oder vier Jahren oder
sogar noch länger für Menschenkinder normal und angemessen ist, sollte bei
Mitarbeitern im Gesundheitswesen und bei Eltern verbreitet werden."
Quelle:
Katherine A. Dettwyler: A Time to Wean: The Hominid Blueprint for the Natural
Age of Weaning in Modern Human Populations. In: P. Stuart-Macadam, K. Dettwyler:
Breastfeeding. Biocultural Perspectives. De Gruyter, New York 1995
Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Stillzeit
(damaliger Name: Rundbrief der AFS) Heft 1, 2002. Bezug über die
AFS-Geschäftsstelle, Rüngsdorfer Str. 17, 53173 Bonn