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"Eure Kinder werden selber essen lernen ohne
dass sie gefüttert werden müssen, genau so wie sie laufen lernen, ohne dass ihr
ihre Beine bewegt, und sprechen, ohne dass ihr ihre Zungen bewegt."
Selber essen lernen ohne zu
füttern
Margarete Schebesch
mit freundlicher Genehmigung der
Autorin
Als mein Sohn Linus einige Wochen alt war, hatte sich
unsere Stillbeziehung schon gut eingespielt. Ich genoss jede Stillmahlzeit und
konnte mir das Leben ohne Stillen nicht mehr vorstellen. Ich wollte, dass diese
liebevolle Beziehung so lange wie möglich anhalten würde und dachte nicht im
Traum daran, Linus irgendwann abzustillen.
Eines Tages hörte ich in meinem Rückbildungskurs ein Gespräch zwischen zwei
anderen Müttern. Die eine fragte die andere, wie lange sie schon stillte. "Oh,
zu lange!" antwortete die andere mit einem Seufzer. "Mein Sohn ist jetzt sieben
Monate alt. Ich muss ihn abstillen." Ich konnte sehen, dass diese Mutter nicht
glücklich darüber war, ihren Sohn abzustillen, aber sie glaubte, sie müsse das
tun, was alle anderen taten und ihr empfahlen.
Zu dieser Zeit wusste ich noch sehr wenig über das Stillen. Ich wusste nichts
über die Empfehlung der WHO, mindestens zwei Jahre lang zu stillen, nichts über
die Vorteile des Stillens nach den ersten sechs Monaten. Aber irgendwie krampfte
sich mein Herz zusammen, wenn ich mir vorstellte, dass dieses sieben Monate alte
Baby von seiner Mutter abgestillt wurde. Ich fühlte, dass die Natur es nicht so
vorgesehen haben konnte. Ich konnte mir nicht vorstellen, meinem kostbaren,
makellosen, kleinen Baby etwas anderes als meine Milch zu geben.
Meine Hebamme hatte eine sehr unterstützende Einstellung zum Stillen und kam
damals noch einmal in der Woche um nach uns zu sehen. Ich war etwas verwirrt
über meine Gefühle und fragte sie, wie lange Mütter denn üblicherweise so
stillten. Sie sagte mir, dass die meisten sechs Monate voll stillten und dann
begannen, Beikost einzuführen. Sie muss aber den zweifelnden Ausdruck in meinem
Gesicht gesehen haben, denn sie beeilte sich hinzuzufügen: "Aber natürlich
kannst du viel länger als sechs Monate voll stillen, wenn du möchtest. Du kannst
so lange voll stillen, bis Linus von selber anfängt, andere Sachen zu essen. Auf
diese Weise ersparst du dir auch den ganzen Stress mit dem Brei füttern, ein
Löffelchen für Oma usw."
Das war das erste Mal, dass ich vom "Vermeiden" der Breiphase hörte. Alle Mütter
um mich herum erzählten mir, wie sie sich damit quälten, bei ihren Kindern die
Beikost einzuführen. Die Babys mochten den Brei nicht, sie mochten nicht
gefüttert werden und sie mochten auch nicht essen. Die Mütter versuchten alle
möglichen Tricks, um das "Essen ins Baby zu bekommen" und am Ende waren Mutter
und Baby frustriert. Ich wollte das auf keinen Fall.
Als das Ende von Linus' sechstem Lebensmonat sich näherte, wurde ich unruhig. Er
zeigte kein Interesse an anderer Nahrung als meiner Milch. Mit der Empfehlung
meiner Hebamme im Hinterkopf stillte ich ihn deshalb weiter ohne ihm was anderes
anzubieten. So ging auch der siebte und achte Monat vorbei. Eines Tages in
seinem neunten Monat hatte ich Linus auf meinem Schoß und aß mein Mittagessen
und bemerkte, dass er meinem Löffel mit den Augen folgte. Dann streckte er die
Hand aus und nahm sich ein Stück von meinem Teller!
Obwohl viele Mütter glücklich waren, wenn sie merkten, dass ihre Kinder "reif"
für Beikost waren, wurde ich traurig. ICH war nicht bereit dafür. Mein
makelloses Baby, welches bis dahin nur meine Milch getrunken hatte, wollte was
anderes! Aber ich wollte Linus natürlich nichts vorenthalten und ließ ihn
schweren Herzens ein Stück Obst von meinem Teller nehmen. Er führte es zum Mund,
leckte ein paar Mal daran und warf es weg. Dann nahm er ein anderes Stück und
machte es genauso. Nachdem er einige Stücke untersucht hatte, drehte er sich zu
mir um und suchte nach meiner Brust. Ich war erleichtert. Linus war nicht am
Essen als Nahrung interessiert, sondern als Spielzeug!
Die nächsten Monate vergingen und Linus aß nicht. Ich bot ihm nie aktiv was zu
essen an und fütterte ihn auch nie, sondern hatte ihn beim Essen auf dem Schoß
und ließ ihn mit dem Essen spielen. Er berührte, leckte, saugte, zerdrückte,
kaute es, aber er verschluckte nichts. Er spuckte alles aus und wenn er keine
Lust mehr hatte, suchte er meine Brust und stillte. Manchmal war das Essen auf
dem Tisch, auf dem Boden, auf Linus und mir verteilt, aber ich machte es sauber
und kümmerte mich nicht weiter darum.
Dann, irgendwann in Linus' 15. Monat fand ich ein paar grüne Erbsen im Töpfchen
(Linus wächst windelfrei auf). Sie waren vollständig und nicht zerkaut, aber es
zeigte mir, dass Linus nun begann, auch ab und zu was hinunter zu schlucken. In
den nächsten Tagen tauchten auch ein paar Rosinen und Obststücke auf. Mein Sohn
aß! Ohne Brei, ohne Füttern, ohne die "Einführung" der Beikost, im doppelten
Sinne des Wortes. Er hatte es ganz von selber gelernt. Natürlich bedeutete das
nicht, dass er jetzt Beikost anstelle meiner Milch aß! Er stillte weiter fast so
viel wie ein Neugeborenes und aß ab und zu ein paar Bissen von meinem Teller.
Heute ist mein Kleiner zwei Jahre alt und isst alles. Er isst elegant und
"anständig", mit geschlossenem Mund und kaut alles gründlich, bevor er es
hinunterschluckt. Ich habe ihm auch nie eine Schnabeltasse gegeben, weil sie
mich an eine Babyflasche erinnerte. Linus begann irgendwann, trinken zu üben mit
allem, was er fand. Er kann jetzt aus Tassen, Gläsern, Tellern, Schüsseln und
Flaschen trinken ohne zu verschütten. Er spielt gerne mit verschiedenen
Behältern und liebt es, Flüssigkeiten hin und her zu schütten. Und natürlich
stillt er noch sehr oft, tags wie nachts, und wir denken überhaupt nicht daran
abzustillen.
Ich bin froh, auf meine Instinkte und die Signale meines Sohnes gehört zu haben.
Ich bin froh, dass ich seine Würde respektierte und ihn nicht zum essen zwang,
wie so viele mir es geraten hatten. Ich bin meiner Schwester dankbar, die
LLL-Stillberaterin in Schottland ist und mich immer ermutigte, lieber auf mein
Herz und meinen Sohn zu hören als auf die Menschen, die versuchten, mich unter
Druck zu setzen. Und ich danke Dr. Carlos Gonzalez, der mir mit seinem Buch
"Mein Kind will nicht essen" die letzte Bestätigung gab, dich ich brauchte, um
meinen Weg durchzusetzen.
Inzwischen habe ich erfahren, dass die Methode, Kinder selber essen zu lernen,
gar nicht so neu ist. Es gibt viele Völker auf der Welt, die ihre Kinder nicht
füttern. Es gibt auch keine anderen säugenden Tierarten, die ihre Jungen
füttern. Durch meine Recherchen in Internet habe ich noch viele andere Menschen
kennen gelernt, die auf das Füttern und den Brei verzichteten und ihre Kinder
auf natürliche Weise essen lernen lassen. Ich habe auch noch zwei Buchtipps
dazu: "Gestillte Sehnsucht - starke Kinder" von Tine Müller-Mettnau, erschienen
im Eigenverlag und zu beziehen über http://www.tandemstillen.de, und "Geborgene
Babys" von Julia Dibbern, erschienen im Anahita-Verlag, zu beziehen im
Buchhandel.
Viele Eltern, die mit ihren Kindern nach dem Continuum-Concept von Jean Liedloff
zusammenleben (http://www.continuum-concept.de, http://www.continuum-concept.net),
lehnen das Füttern mit Brei oder anderen Sachen ab. Die Kinder werden oft bis
weit ins zweite Lebensjahr hinein voll gestillt, bis sie von selber anfangen, am
Familientisch mit zu essen. Bei den Rabeneltern hat eine Mutter ihr Kind sogar
28 Monate lang voll gestillt. Es wird uns immer gesagt, dass Kinder ab der
Hälfte des zweiten Jahres was anderes als Muttermilch "brauchen". Dem ist aber
nicht so. Wenn das Kind weiterhin nach Bedarf gestillt wird, bekommt es mit der
Muttermilch alles, was es braucht.
Natürlich gibt es auch Kinder, die schon sehr früh deutlich zeigen, dass sie was
anderes möchten. Ihnen sollten die Eltern natürlich nicht das Essen
vorenthalten, es sei denn, das Kind ist jünger als 6 Monate. Ich finde aber,
viel zu oft wird das spielerische Interesse an dem Essen der Eltern von diesen
als "Beikostreife" interpretiert und dann kommen schnell die Gläschen und der
selbst gekochte Brei zum Einsatz. Die Eltern wundern sich dann, dass die Kinder
den Brei wieder ausspucken und versuchen, die Kinder zu überreden, zu überlisten
oder gar zu zwingen, den Brei zu essen. Oft werden auch Stillmahlzeiten durch
Brei ersetzt, weil von wohlmeinenden Verwandten der Rat kommt, das Kind werde
dann besser, länger oder durch-schlafen. Dass dieses Ammenmärchen falsch ist,
kann man auf jeder seriösen Stillwebsite nachlesen.
Ich möchte euch empfehlen, euch und euren Kindern Zeit zu lassen, damit sie
selber lernen zu essen. Das immer wiederholte Anbieten von Beikost bringt meiner
Meinung nach auch nichts, es nervt die Kinder nur. Ich stellte mir gerade mal
vor, wie es wäre, wenn ich jede Woche oder meinetwegen auch alle zwei oder drei
Wochen von meinem Partner was vorgesetzt bekäme, von dem er wüsste, dass ich es
schon beim ersten Mal nicht mochte. Ich könnte nicht verstehen, wieso er das
tut.
Meiner Meinung nach ist der ganze Stress mit der so genannten Einführung von
Beikost unnötig und schädlich und sollte vermieden werden. Beikost muss nicht
eingeführt werden, sondern sie führt sich selbst ein. Ganz von allein und ohne
unser Zutun wird das Kind irgendwann essen. Am besten ist es, wenn der Übergang
sehr, sehr langsam, allmählich und fast unmerklich stattfindet. Eure Kinder
werden selber essen lernen ohne dass sie gefüttert werden müssen, genau so wie
sie laufen lernen, ohne dass ihr ihre Beine bewegt, und sprechen, ohne dass ihr
ihre Zungen bewegt.
Es ist schon seltsam, dass Kinder in unserer Gesellschaft so früh wie möglich
selbständig ein- und durchschlafen müssen, so früh wie möglich an Bei/Ersatzkost
gewöhnt und von der Brust entwöhnt werden müssen, aber WEHE, die Eltern
versuchen, mit dem Kind mittels Windelfrei/Topfit frühzeitig über seine eigenen
Ausscheidungen zu kommunizieren! Dann tun sie ihm ja was ganz, ganz Böses an,
denn jeder weiß, dass die Kinder ihre Schließmuskeln frühestens mit drei Jahren
kontrollieren können und vorher unweigerlich auslaufen würden, wenn sie keine
Windeln trügen.
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