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Juli 2004
Ich möchte heute mal berichten, wie es mir mit dem Stillen
meines Babys so ergangen ist.
Nach Eriks Geburt hatte ich massive Stillprobleme. Erik hatte meine Brustwarzen
nach dem 3. Mal anlegen durch. Sie waren wund, blutig und innerhalb einer Woche
eitrig. Meine Nachsorgehebamme gab mir damals ein Stillhütchen, sonst hätte ich
es nicht mehr ertragen können. Leider hat das die Probleme auch nicht lösen
können. Zudem war mein Sohn auch saugverwirrt, weil er im KH die Flasche
zusätzlich erhalten hatte. Jedenfalls kamen wir von einem Milchstau in den
nächsten. Eine Brustentzündung war dann auch noch die Folge, und danach bekam
ich auch noch eine Gebärmutterentzündung, die mich wieder ins KH brachte. 2,5
Wochen nach Eriks Geburt hatte ich eine tiefe Bein- und Beckenvenenthrombose und
weiterhin heftigste Schmerzen beim Anlegen. Kurzum, ich war fix und fertig mit
der Welt und mein Wille zu stillen allmählich zerbrochen. So stillte ich Erik
von heute auf morgen 3 Wochen nach seiner Geburt mit Abstilltabletten ab.
Aber damit war es dann auch vorbei mit den ganzen Schwierigkeiten. Ich war nur
dummerweise schon nach 3 Tagen Abstillen todunglücklich darüber und habe fast
über jeder Elternzeitung heimlich geheult, weil Stillen für uns so wichtig
gewesen wäre. Mein Mann ist nämlich Polyallergiker gegen alles was es so
gibt…und ich war natürlich hoch motiviert gewesen. Trotzdem hielt ich es zu
jener Zeit für ausgeschlossen, dass ich weiter stillen könnte und habe brav
weiter Abstilltabletten gegessen und Pfefferminztee getrunken. Ich wurde dann
wegen meiner Thrombose auf Marcumar eingestellt. Dies ist ein recht heftiges
Medikament, was zum Teil muttermilchgängig ist. Bei meiner Entlassung wies mich
eine Ärztin dann darauf hin, dass es passieren könne, dass ich erneut
versehentlich einen Milcheinschuss bekomme. Dies wäre nicht unbedingt zu
erwarten, aber wenn, solle ich mir neue Tabletten holen. Dieser Gedanke setzte
sich heimlich bei mir fest, aber als ich dann zu Hause den Beipackzettel vom
Marcumar gelesen hatte, traute ich mich nicht mehr weiter übers Stillen zu
spekulieren. Einige Wochen vergingen darüber, aber es ging mir nicht wesentlich
besser und ich konnte eigentlich nach wie vor keinen Frieden mit dem Abstillen
schließen. Zudem entwickelte mein Sohn Erik erste allergieverdächtige Ausschläge
an den Füßchen.
Nach ca. 2 Monaten (Erik war 11 Wochen alt) habe ich dann endlich angefangen zu
handeln. Ich schrieb Mails an eine Laktationsberaterin meiner Geburtsklinik, an
eine LLL-Stillberaterin (über die e-Mail Beratung), an eine
Eltern.de-Stillberaterin und an einen Eltern.de-Kinderarzt. Ich wollte wissen,
ob es eine Möglichkeit für mich gibt. Die Laktationsberaterin schließlich
antwortete gar nicht. Der Kinderarzt war der Meinung, dass ich trotz Marcumar
stillen darf. Die Eltern.de-Stillberaterin gab viele Hinweise, wie eine
Relaktation funktioniert, riet mir aber aufgrund meiner Vorgeschichte eher davon
ab (sie machte sich sicherlich Sorgen um meine Gesundheit). Dann befragte ich
noch eine Hebamme, die total gegen ein Stillen mit Marcumar war und auch sagte,
dass Relaktation nur in den ersten 8 Wochen funktioniert. Ich war wieder
deprimiert, weil meine innere Stimme ganz einfach was anderes dazu sagte. Am
Abend schließlich bekam ich Antwort von einer sehr lieben LLL-Stillberaterin,
die mich ermutigte und mich in der nächsten Zeit immer wieder mit notwendigen
Tipps versorgte. Schließlich befragte ich noch mal unseren Kinderarzt vor Ort,
inwiefern Stillen Erik noch helfen könne und erhielt den Ratschlag es auf jeden
Fall zu versuchen. Erik hatte ja HA-Nahrung bekommen und deshalb könne ich auf
jeden Fall noch etwas für ihn tun. Marcumar war auch für ihn kein Grund nicht zu
stillen.
Wir starteten also den Versuch unsere Stillbeziehung wieder aufzunehmen. Ich
begann regelmäßig abzupumpen. Dies ist manchmal gar nicht so leicht gewesen,
weil mein Baby nicht so viel Verständnis für diese Sitzungen hatte. Trotzdem
haben wir uns so arrangiert, dass ich mindestens 6 x täglich für je 10 min pro
Seite gepumpt habe. Eigentlich hätte ich auch nachts einmal abpumpen müssen.
Dieses habe ich nicht getan, weil ich Angst hatte, dass mich das zu sehr
schlauchen könnte und es mir womöglich wieder schlechter ginge. Diesmal wollte
ich nur in meinem Tempo und Gefühl daran gehen und nichts erzwingen. Ich glaube
auch nach wie vor, dass dies so richtig war, weil man das ewige Abpumpen eine
ganze Zeit durchhalten muss und dieses am besten kann, wenn man nicht zu sehr
unter Erfolgsdruck steht. Ich habe mir immer wieder neue Teilziele gesetzt. Im
Anfang ging es darum, dass überhaupt was passiert. Als ich dann einen Tropfen
hatte, habe ich diesen einen Tropfen verfüttert und mir vorgestellt, wie viele
wertvolle Antikörper Erik jetzt gerade erhält. Ich hatte nämlich gelesen, dass
nicht die Menge dafür entscheidend ist. Das hat mir sehr geholfen (auch wenn es
meinen Mann eher amüsiert hat). Der nächste Schritt war dann Erik teilzustillen
und nachzufüttern und dann irgendwann voll zu stillen…
Nebenbei musste Erik wieder an die Brust gewöhnt werden. Da er natürlich keine
Lust hatte an einer „trocknen“ Brust zu saugen, habe ich das Brusternährungsset
benutzt. Erik hat dies glücklicherweise gut mitgemacht und hat die Brust gerne
und schnell wieder angenommen. Dazu hatte ich von meiner LLL-Stillberaterin den
Hinweis erhalten, dass man dies günstigerweise so macht: Mutter und Baby ziehen
sich in eine ruhige, gemütliche Umgebung zurück und spielen so zusagen noch mal
die Geburt nach. Das Baby sollte nicht zu hungrig sein, aber auch nicht satt,
damit es sich in guter Stimmung befindet und Lust zum Saugen hat. Ich habe Erik
bis auf die Windel nackt ausgezogen und mich auch oben rum entkleidet. Wir haben
uns dann aufs Bett gekuschelt und ich habe ihn mit dem Brusternährungsset
angelegt. Das Ernährungsset stört schon etwas in dieser Atmosphäre, aber es hat
trotzdem geklappt. Erik hat angefangen zu saugen.
In den nun folgenden Wochen habe ich Erik immer 1-2x tgl. mit Ernährungsset
angelegt, um ihn weiterhin an die Brust zu gewöhnen. Dieses war sehr
zeitraubend, weil das mit dem Set nicht wirklich so gut klappte. Es kam immer
nur wenig Milch raus, gerade soviel um Erik bei der Stange zu halten, aber nicht
genug, um ihn satt zu kriegen. In der Regel habe ich ihn je Seite 20 min saugen
lassen. Wenn es mir unangenehm wurde, habe ich den Versuch abgebrochen (um wunde
Brustwarzen zu vermeiden, wenn ich ehrlich bin). Manchmal hatte auch Erik keine
Lust, dann haben wir es auch sein gelassen oder es später noch mal versucht. Ich
wollte keinesfalls zwingen oder überreden. Es sollte zwanglos laufen und es hat
auch so geklappt. Den Schnuller haben wir zu dieser Zeit stark reduziert, damit
Erik auch Lust hatte zu saugen.
Ich erhielt von der LLL-Beraterin auch die Information, dass eine Faustregel
besagt, dass man so viele Wochen für eine Relaktation braucht, wie man vorher
Monate schon abgestillt hat. Das wären bei mir also 2 Wochen gewesen. Als sich
aber nach 3 Wochen immer noch nicht mehr tat als ein Tröpfchen Milch, bin ich
hier in den Stillclub eingetreten. Dort wurde mir erneut weitergeholfen. Ich
erhielt dort Motivation und weitere wichtige Erklärungen von Sibylle. Ich wurde
aufmerksam gemacht auf ein homöopathisches Mittel (Agnus castus) zur
Milchmengensteigerung, aber es half mir leider nicht wirklich viel weiter. Als
nächstes habe ich dann ein Magen-Darm Mittel: Domperidon (http://www.uebersstillen.org/jndomperidoned.htm)
ausprobiert. Dies hatte sofort durchschlagend Erfolg. Ich hatte praktisch am
Abend die ersten richtig dicken Tropfen Milch. Innerhalb einer Woche (insgesamt
ca. 7 Wochen nach dem ersten Pumpen) konnte ich voll stillen. Das Medikament
wurde dann langsam ausgeschlichen. Ich denke, dass die meisten Frauen ohne
Domperidon relaktieren können, aber bei mir war es wohl nötig.
Natürlich habe ich auch Stilltee getrunken. Am besten fand ich diese
Zusammensetzung: 2 Teile Bockshornkleesamen und je 1 Teil Fenchel, Anis, Kümmel.
Als ich genug Milch fürs Teilstillen hatte (kurz nach dem ich mit Domperidon
begonnen hatte), kam noch mal eine Zeit, wo Erik vor allem mittags nicht an die
Brust wollte. Dann hat er geweint und Theater geschlagen. Auch da habe ich ihn
widerwillig in Ruhe gelassen und die MuMi abgepumpt und per Flasche gefüttert.
Dieses hat sich dann aber zunehmend verbessert und ich konnte dann recht schnell
vollstillen. Gerade am Anfang des Vollstillens war ich sehr unsicher, ob Erik
überhaupt genug bekommt, weil er oft noch geweint hat nach dem Stillen. Ich habe
mir dann angewöhnt die Brust nebenbei ein wenig zu massieren, damit die Milch
auch gut in Richtung Ausgang fließt. Erik habe ich alle 1,5 Stunden mit Ausnahme
in der Nacht angelegt (Erik schlief zu dieser Zeit durch ;-) ). Die erste Zeit
ist ein wenig anstrengend, aber ich war auch so glücklich, dass Erik jetzt nur
noch MuMi bekam und sich seine Fußekzeme sofort zu bessern begannen. Ob bei Erik
jetzt schon eine Allergie vorliegt, werden wir wohl vorerst nicht erfahren, da
ich weiterstillen möchte und wir bei der Beikost auf künstliche Milch vorerst
verzichten werden.
Insgesamt ist relaktieren wie Achterbahn fahren. Bei jedem Tropfen mehr ist man
echt happy, aber man braucht schon Durchhaltevermögen, wenn man immer wieder
pumpt und pumpt und sich nichts rührt. Unterstützung braucht man auf jeden Fall,
hauptsächlich zur Motivation weiterzumachen. Diese Art von Hilfe findet man in
Stillgruppen. Ob diese virtuell sind oder lieber Treffen vor Ort, ist
Geschmackssache. Ich selber hatte beim ersten Mal als ich in die Stillgruppe
ging Hemmungen, weil ich zu der Zeit noch mit der Flasche nachgefüttert habe und
dachte, was die Frauen wohl über mich denken, wenn ich nicht voll stille. Dies
war natürlich glatter Unsinn. Ich war dort genauso willkommen, wie jede andere
auch.
Es gibt sicher verschiedene Möglichkeiten, wie man relaktieren kann. So würde
ich z.B. anders vorgehen, wenn die Frau noch Milch hat. Dann würde ich lieber
direkt das Kind an die Brust nehmen und nachfüttern (diesmal nicht mit Flasche,
damit das Baby sein Saugbedürfnis an der Brust stillt, und den Schnuller auf
jeden Fall auch weglassen). Da ich Erik im Anfang nur wenig angelegt habe und
weil mein Mann auch nichts anderes akzeptiert hätte, habe ich eine Flasche zum
Nachfüttern benutzt. Dazu muss ich ein wenig Werbung machen. Die Avent Flaschen
sind für diesen Zweck noch am ehesten geeignet. Das Kind muss sich mit dem
Neugeborenensauger richtig anstrengen (nicht so sehr wie an der Brust, aber mehr
als bei anderen Saugern). Erik mochte diese Flasche nicht übermäßig gerne leiden
und das sollte er ja auch gar nicht.
Ich betone hier aber ganz klar, dass es besser ist, die Flaschen wegzulassen,
vor allem wenn das Baby noch jünger ist. Eine Saugverwirrung ist das
scheußlichste Problem überhaupt, und bei mir hat es hauptsächlich deshalb so gut
geklappt, weil Erik schon von seinem Alter her den Unterschied begreifen konnte.
Trotzdem musste ich auch mit ihm eine Weile trainieren und er macht auch jetzt
noch häufig den Mund nicht weit genug auf.
Ich bin total glücklich darüber, dass ich jetzt wieder voll stillen kann und
auch ein bisschen stolz, dass Erik und ich das geschafft haben.
Hilfreich sind auch das Heft „Stillen eines Adoptivkindes und Relaktation, mit
Hinweisen für Mütter, die nach einer Stillpause wieder stillen wollen“ von
Elizabeth Horman und das Wirbelwindheft „Der zweite Beginn“ der LLL. Im Internet
findet man z. Z. leider so gut wie nichts über Relaktation.
November 2005
Nachtrag:
Inzwischen sind schon einige Monate vergangen… Erik ist mittlerweile 22 Monate
alt und trinkt immer noch gerne an der Brust. Natürlich stillt er nicht mehr
voll, er isst normal mit vom Tisch. Aber die Brust ist eine schöne Ergänzung und
wir genießen unsere Stillbeziehung in vollen Zügen. Als ich die Relaktation Ende
April 2004 begann, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob sich das überhaupt
zeitlich noch lohnt, wo Erik doch schon fast 3 Monate alt war und „man“ doch nur
6 Monate stillt. Zu der Zeit konnte ich mir so gar nicht wirklich vorstellen,
dass auch ältere Säuglinge und sogar Kleinkinder noch gestillt werden können und
man eigentlich nie zur Flaschenmilch greifen muss, wenn man das lieber vermeiden
möchte.
Die Relaktationszeit war rückwirkend eine besondere Zeit, denn ich habe für
diese Stillbeziehung wirklich gekämpft und es hat sich soooo gelohnt. Immer
wieder hatte ich damals Angst, dass es nur mein eigener Egoismus ist, dass es
gar nicht um Erik geht, sondern nur darum, dass ich doch so gerne stillen
wollte. Ganz nach dem Motto: jetzt geht doch alles seinen Gang. Stör nicht
dabei, verwirre das Kind doch nicht… Finde dich ab… oder bekomm halt ein
weiteres Kind, was dann ja gestillt werden kann…
Alles Unsinn! Ein Baby kann oft noch nicht immer so gut ausdrücken, wie wichtig
ihm die Brust ist. Manchmal ist es wirklich vorübergehend verwirrt. Auch für das
Baby kann eine Relaktation phasenweise anstrengend sein. Dennoch: Alles in
allem, wäre ich ohne die Relaktation auch eine andere Mutter geworden und Erik
ein anderes (eben nicht gestilltes) Kleinkind. Es wäre mir und auch meinem Sohn
etwas ganz Schönes, Nahes und Liebevolles entgangen. Heute bin ich mir sicher:
Erik hätte seine „Miiiiii“ doch irgendwie vermisst und auch mein Mann sieht ganz
klar, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat einen zweiten Stillbeginn zu
starten.
Miriam
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