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von Maryam Frenzel-Hassan
Stillen während der Schwangerschaft
Wird eine Mutter schwanger, während sie noch stillt, kann sie sehr gemischte
Gefühle haben. Ein Kleinkind oder ein älteres Kind während Schwangerschaft und
Geburt des neuen Babys zu stillen, ist nicht etwas, das eine Mutter von
vornherein plant, und in vielen Gesellschaften wird es als etwas Ungewöhnliches
betrachtet. Vielleicht setzen andere die Mutter unter Druck abzustillen, oder
sie selbst fühlt sich unter Druck weiterzustillen. Wenn die Mutter über ihre
Situation spricht, hilft es ihr, ihre eigenen Gefühle von den Ansichten und
Ratschlägen anderer zu trennen und auch ihre Lebensumstände und die Bedürfnisse
ihres Kindes zu berücksichtigen. Vielleicht fragt sich die Mutter, ob das
Weiterstillen ihres Kindes ein Bedürfnis oder eine Angewohnheit ist. Dies ist
auch vom Alter des Kindes abhängig. Nur selten ist ein Kind unter einem Jahr
bereit, sich selbst abzustillen. Bei einem älteren Kind kann die Mutter
versuchen, Stillen durch andere Arten mütterlicher Zuwendung zu ersetzen. Lässt
sich das Kind gar nicht ablenken, dann ist Stillen wohl noch ein echtes
Bedürfnis.
Viele Kinder verlieren das Interesse am Stillen, wenn im 5. oder 6. Monat der
Schwangerschaft die Milchbildung stark zurückgeht und / oder der Geschmack der
Milch sich verändert.
Viele Mütter finden, dass Weiterstillen in der Schwangerschaft ihnen hilft, den
emotionalen Bedürfnissen ihres Kindes in einer ohnehin anstrengenden Zeit besser
gerecht zu werden. Die Mutter kommt durch die Stillzeiten öfter zur Ruhe, da sie
sich während des Stillens mit ihrem Kind hinsetzt oder -legt.
Stillen während der Schwangerschaft nimmt dem Ungeborenen keine Nährstoffe weg,
vorausgesetzt, die Mutter ernährt sich ausgewogen, achtet auf angemessene
Gewichtszunahme und genügend Ruhe.
In einer normalen Schwangerschaft stellen die Gebärmutterkontraktionen, die
durch Stillen ausgelöst werden können (Stimulation der Brustwarzen setzt das
Hormon Oxytocin frei, das zu Kontraktionen der Gebärmutter führen kann), keine
Gefahr für das Ungeborene dar und erhöhen nicht das Risiko einer Frühgeburt.
Mütter haben nach Fehl- und Frühgeburten während späterer Schwangerschaften
gestillt und voll ausgetragene Babys zur Welt gebracht.
Schwangerschaftshormone gehen in geringen Mengen in die Muttermilch über,
stellen aber keine Gefahr für das Stillkind dar. Das ungeborene Baby im
Mutterleib ist diesen Hormonen in sehr viel stärkerem Maße ausgesetzt als das
Stillkind.
Viele Mütter haben beim Stillen während der Schwangerschaft wunde Brustwarzen,
ihre Milchbildung nimmt ab, und ihre Gefühle bezüglich der Entscheidung
weiterzustillen gehen auf und ab. Andere Mütter dagegen erleben nichts von all´
dem.
Müdigkeit ist ein normaler Bestandteil einer Schwangerschaft; Stillen an sich
„zehrt” nicht.
Der wachsende Bauch der Mutter kann die Stillposition zu einem Problem werden
lassen. Experimentieren mit verschiedenen Stillpositionen kann helfen, z.B.
Stillen in der Seitenlage. Ein Kleinkind, das stillen will, findet oft
erstaunliche Positionen dazu.
Durch die hormonellen Veränderungen in der Schwangerschaft können die Brustwarze
empfindlich werden. Einige Mütter machen diese Erfahrung gar nicht, andere
während der ganzen Schwangerschaft, wieder andere gegen Ende der
Schwangerschaft. Diese Empfindlichkeit verschwindet unmittelbar nach der Geburt.
Gegen empfindliche Brustwarzen während der Schwangerschaft helfen die üblichen
Ratschläge gegen wunde Brustwarzen nicht. Folgende Ratschläge können
Erleichterung bringen:
Atemtechniken aus der Geburtsvorbereitung benutzen,
die Stillposition wechseln,
ein älteres Stillkind bitten, besonders sanft und / oder nur kurz zu nuckeln,
bevor das Kind nuckelt, mit der Hand Milch ausstreichen, bis die Milch fließt;
manchmal führt eine verminderte Milchbildung zu empfindlichen Brustwarzen.
Manche Mütter fühlen sich beim Stillen während der Schwangerschaft gelegentlich
unwohl oder irritiert. Wenn dieses Gefühl auftritt, kann es der Mutter helfen,
sich abzulenken, indem sie z.B. ein Buch liest, Musik hört oder fernsieht.
Die Schwangerschaftshormone können zu einer verminderten Milchbildung führen,
vorwiegend in den letzten vier Monaten der Schwangerschaft. In dieser Zeit
ändert sich auch der Geschmack der Muttermilch; aus der Milch wird Kolostrum.
Eine Mutter braucht sich keine Sorgen zu machen, dass das ältere Stillkind das
ganze Kolostrum „verbraucht”. Egal, wie viel es stillt - bei der Geburt wird
genügend Kolostrum für das Neugeborene vorhanden sein.
Newton-Studie von 1979
In der Studie wurden 503 La Leche Liga - Mütter erfasst, die während des
Stillens schwanger wurden.
69% haben zu irgendeinem Zeitpunkt der Schwangerschaft abgestillt. (Es ist
unmöglich festzustellen, wie viele dieser Kinder sich auch abgestillt hätten,
ohne dass die Mutter schwanger geworden wäre. 44% der Kinder waren 2 Jahre oder
älter.)
74% bekamen mehr oder weniger empfindliche oder wunde Brustwarzen.
65% bemerkten ein Zurückgehen der Milchbildung.
57% fühlten sich mehr oder weniger unwohl oder irritiert beim Stillen.
Von den Frauen, die während der Schwangerschaft weiterstillten und nach der
Geburt ihre Kinder stillten, sagten 77%, sie würden es wieder tun. Nur 6% würden
nicht wieder während einer Schwangerschaft stillen.
Wenn das Stillkind jünger als ein Jahr ist, sollte die Mutter seine
Gewichtszunahme kontrollieren, um sicher zu sein, dass das Kind trotz
zurückgehender Milchbildung genug zu sich nimmt und, wenn nötig, mehr
zusätzliche Nahrungsmittel anbieten.
Einige Stillkinder stillen sich bei zurückgehender Milchbildung oder wegen des
veränderten Geschmackes der Milch selbst ab. Andere stillen trotz der Änderungen
von Menge und Geschmack weiter. Es ist möglich, dass ein Kind, das sich in der
Schwangerschaft abgestillt hat, nach der Geburt des Babys wieder stillen will.
Tandemstillen
Wenn eine Mutter schwanger wird, bevor ihr Kind bereit ist, sich abzustillen,
entscheidet sich die Mutter vielleicht, ihr älteres Kind auch nach der Geburt
des Babys weiterzustillen. Dieses Tandemstillen kann auch für die Mutter eine
sehr schöne Erfahrung sein; es kann aber auch „stressig” sein. Schon vor der
Geburt haben einige Mütter gegenüber dem Tandemstillen positive Gefühle, andere
Mütter zögern eher. Egal wie ihre Gefühle sind, wenn das Baby geboren ist, ist
es am besten, jeden Tag einzeln zu nehmen, ohne sich zu viele Gedanken zu
machen, wie es weitergehen wird.
Es kann helfen, schon in der Schwangerschaft mit dem älteren Kind über die
Bedürfnisse des erwarteten Babys zu sprechen und bei der Planung der Geburt eine
Trennung vom älteren Kind so kurz wie möglich zu halten. Unabhängig davon, ob
das ältere Kind noch stillen will, kann eine Trennung in dieser ohnehin
anstrengenden Zeit für das Kind schwer zu verkraften sein.
Nach der Geburt ist das Kolostrum für das Neugeborene besonders wichtig. Wenn
das ältere Kind nur gelegentlich stillen will, braucht sich die Mutter keine
Gedanken darüber zu machen, ob das Neugeborene genügend Kolostrum erhält. Will
das ältere Kind aber sehr viel stillen, möchte die Mutter sicher gehen, dass das
Neugeborene nicht so kurz kommt. Das Neugeborene sollte vor dem älteren Kind
gestillt werden, um in den vollen Genuss des Kolostrums zu kommen, das es
trinken will. Vielleicht kann sich in den allerersten Wochen der Vater oder ein
anderer Helfer im Haushalt dem älteren Kind besonders intensiv zuwenden, so dass
es für die Mutter leichter ist, sich dem Neugeborenen zuzuwenden.
Tandemstillen ist nicht das Gleiche wie das Stillen von Zwillingen.
Durch die Hormonumstellung ist es schwer, immer rational und objektiv zu sein.
Die Mutter kann das „instinktive” Gefühl haben, das Neugeborene beschützen zu
wollen und fühlt sich dadurch dem älteren Kind gegenüber gereizt. Dies ist
normal und tritt in den ersten Tagen häufig auf.
Oft will ein älteres Kind nach der Geburt des Babys besonders oft gestillt
werden; denn Stillen ist mehr als bloß Nahrung, es bedeutet Nähe und Zuwendung.
Stillen ist für das ältere Kind eine Rückversicherung, dass es immer noch (trotz
Familienzuwachs) geliebt wird und dass an der Brust der Mutter noch ein Platz
für es da ist. Das Kind spürt die Zuneigung der Mutter zum Baby und will auch
seine eigene Beziehung zur Mutter wiederherstellen, indem es stillen will und
auf andere Weise ihre Aufmerksamkeit fordern.
Es ist möglich, dass das ältere Kind in den ersten Wochen nach der Geburt
weichere und häufigere Stuhlgänge hat, bedingt durch die abführende Wirkung des
Kolostrums. Sobald Kolostrum vollständig durch reife Muttermilch ersetzt ist
(nach ca. 2 Wochen), hört dies auf.
Tandemstillen hilft, das Auftreten von Milchstaus zu minimieren und sorgt für
eine üppige Milchbildung. Wenn das Neugeborene am Anfang noch nicht so oft oder
unregelmäßig stillt, kann das ältere Kind der Mutter bei einem Milchstau
Erleichterung verschaffen, und es hilft dabei, die Milchbildung aufrecht zu
erhalten.
In den meisten Fällen reicht beim Tandemstillen normale Hygiene völlig aus,
d.h.: regelmäßiges Baden oder Duschen und saubere Kleidung. Babys sind an die
meisten Keime im eigenen Haushalt gewöhnt, auch an die der Geschwister.
Bestandteile der Muttermilch unterstützen diese Immunität. Wenn eines der
Geschwister krank wird, braucht die Mutter nicht jedem Kind eine Brust zuweisen,
denn die Keime, die Erkältungen und andere Infektionen hervorrufen, sind schon
Tage, bevor sich die ersten Symptome zeigen, präsent und werden ausgetauscht.
Wenn ein Kind krank wird, haben sich die Geschwister die Brüste der Mutter (und
damit die Bakterien) schon mehrere Tage geteilt. Ausnahmen bilden
Pilzerkrankungen und ernstere, hoch ansteckende Krankheiten. Zu diesen Zeiten
zieht es die Mutter sicher vor, jedem Kind „seine” Brust zuzuweisen.
Eine Mutter, die zwei Kinder gleichzeitig stillt, hat einen erhöhten Bedarf an
Getränken, gesunden Lebensmitteln und Ruhe. Sie sollte jede Hilfe, die sie für
den Haushalt und die älteren Kinder bekommen kann, annehmen.
Die Mutter macht sich vielleicht Gedanken, ob ihr Neugeborenes beim
Tandemstillen genug Milch bekommt. Vielleicht hat sie den starken Wunsch, das
Stillen des älteren Kindes einzuschränken, auf bestimmte Zeiten zu beschränken,
oder es nur trinken zu lassen, nachdem das Baby satt ist. Wenn das ältere Kind
mit diesen Regelungen einverstanden ist, ist es gut. Wenn nicht, hilft es der
Mutter sicher, an das Prinzip von Angebot und Nachfrage zu denken. Wenn beide
Kinder viel stillen, wird sie auch für beide Kinder viel Milch haben. Das Baby
ist auf die Muttermilch unbedingt angewiesen. Es ist daher gut, das Baby
wenigstens als erstes und an beiden Seiten anzulegen (im Hinblick auf die
Förderung der Entwicklung der Augen-Hand-Koordination). Wenn sich die Mutter
ernste Sorgen macht, ob ihr Baby genug Milch bekommt, kann sie die nassen
Windeln zählen. Mindestens 6 bis 8 nasse Stoffwindeln oder 5 bis 6
Wegwerfwindeln zeigen, dass das Baby genug Milch bekommt.
Wie sich das ältere Kind beim Teilen der Brust und eventuellen Einschränkungen
beim Stillen fühlt, ist von seinem Alter, Temperament und Saugbedürfnis
abhängig. Manche Kinder können mit ( was Zeit, Ort oder Dauer betrifft)
eingeschränkten Stillzeiten gut umgehen; andere sind nicht in der Lage, einige
Minuten zu warten. Flexibilität und Experimentieren der Mutter kann hier helfen,
den besten Weg zu finden. Vielleicht will die Mutter Baby und älteres Kind
gemeinsam stillen oder festlegen, wer wann am Tag gestillt wird; oder das ältere
Kind bekommt eine festgesetzte Stillzeit, auf die es sich verlassen kann.
Sollte sich eine Mutter beim Tandemstillen sehr unwohl fühlen, findet sie im
„Handbuch für die stillende Mutter” in den Abschnitten über Abstillen Hinweise
für ein allmähliches, liebevolles Abstillen des älteren Kindes.
Für das gleichzeitige Stillen zweier Kinder gibt es verschiedene Stillhaltungen.
Einige Mütter legen das Baby zuerst in die Rückengriff-Haltung, durch ein Kissen
unterstützt. Benutzt die Mutter die „Wiegenhaltung”, gefällt es dem älteren Kind
vielleicht, das Baby über seinem Schoß liegen zu haben. Andere Mütter legen
zunächst das Baby in einer für sie bequemen Haltung an und überlassen es dann
dem älteren Kind, selbst einen Platz an der Brust zu finden. Stillende
Kleinkinder können in nahezu jeder Position nuckeln.
Ein Tragetuch oder Tragesack machen es für die Mutter leichter, ihr Baby nahe
bei sich zu haben und dennoch ihre Hände frei zu haben für das ältere Kind. In
einigen Tragesäcken und in bestimmter Weise gebundenen Tragetüchern kann die
Mutter das Baby stillen, und sie kann gleichzeitig dem älteren Kind andere Arten
mütterlicher Aufmerksamkeit geben.
Der Vater kann beim Tandemstillen eine große Hilfe sein, indem er sich mit dem
älteren Kind beschäftigt. Die beiden können viele neue Aktivitäten entdecken.
Tandemstillen außerhalb des Zuhauses kann eine Herausforderung darstellen. Viele
ältere Kinder sind außerhalb des Zuhauses zu beschäftigt, um sich für das
Stillen zu interessieren. Fragt ein Kind doch danach, kann die Mutter es bitten
zu warten und sich nach einem geeigneten Platz umsehen, vielleicht einer
Umkleidekabine oder dem Auto. Wenn die Mutter beim Ausgehen beide Kinder stillt,
hilft es, Kleidung anzuziehen, die diskretes Stillen erlaubt. Auch ein Schal
oder Tuch, über ein oder beide Kinder gelegt, kann helfen. Auch beide Kinder vor
dem Hinausgehen zu stillen und dem älteren Kind unterwegs etwas zu essen und zu
trinken anzubieten, kann auch helfen, das Stillbedürfnis des älteren Kindes zu
verringern.
Jede Mutter hat dem Tandemstillen gegenüber unterschiedliche Gefühle. Einige
denken positiv über es, andere nicht. Die Gefühle sind nicht nur bei jeder
Mutter anders, sie verändern sich auch von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von
Monat zu Monat. Manche Mütter entscheiden sich in der Schwangerschaft für das
Tandemstillen, um auch weiterhin die Bedürfnisse ihres älteren Kindes durch
stillen zu befriedigen. Sie fühlen sich mit ihrem älteren Kind enger verbunden
als mit dem ungeborenen Baby, das noch ein „Fremder” ist. Aber nach der Geburt
des Babys ändern sich die Gefühle oft in dramatischer Weise. Die Mutter ist ganz
vernarrt in das kleine Wesen in ihren Armen. Das ältere Kind sieht plötzlich so
groß aus, und die Mutter reagiert sehr empfindlich, ja, ärgerlich, wenn sie das
ältere Kind stillt. Nicht jede Mutter erlebt diese Veränderungen ihrer Gefühle.
Passiert es aber einer Mutter, hat sie vielleicht Schuldgefühle. Sie hat sich
vielleicht wegen der Bedürfnisse des älteren Kindes für das Tandemstillen
entschieden, und nun ärgert sie sich, wenn es nach Stillen verlangt. Diese
Gefühle sind normal. Diese entgegengesetzten Gefühle - erst das ältere Kind
beschützen zu wollen, dann ärgerlich über seine Forderung en zu sein - sind
häufig, wenn eine Familie ein neues Baby bekommen hat, auch dann, wenn das
ältere Kind schon gar kein Stillkind mehr ist.
Starke Stimmungsschwankungen sind gerade in den ersten Wochen nach der Geburt
häufig, und sie sind ebenso wie die hormonellen Veränderungen im Wochenbett ein
Teil der Neuordnung des Lebens nach der Geburt eines Babys. Auch diese
Stimmungsschwankungen gehen vorüber.
Einige Mütter fühlen sich unruhig oder reizbar, wenn sie das Baby und das ältere
Kind gemeinsam stillen. Manche Mütter stört die körperliche Empfindung, die sie
spüren, wenn sie das ältere Kind stillen. Tandemstillende Mütter beschreiben
manchmal, wie sehr sich das Saugen ihres älteren Kindes von dem des Neugeborenen
unterscheidet. Wenn sich die Mutter beim Stillen des älteren Kindes sehr unruhig
oder gereizt fühlt, hilft es ihr vielleicht, zu wissen, dass solche Gefühle
verbreitet sind. Es kann auch helfen, die Stillposition zu verändern und die
Stillzeiten des älteren Kindes einzuschränken, es mit anderen Aktivitäten
abzulenken, oder ihm als Ersatz leckere Zwischenmahlzeiten oder Getränke
anzubieten.
Oft fühlt sich eine Mutter „berührungsmüde”, wenn sie den ganzen Tag über ihre
Kinder getröstet, im Arm gehalten und gestillt hat. Die Kinder brauchen sie, ihr
Mann interessiert sich für sie, und sie fragt sich, ob sie ihren Körper je
wieder für sich haben wird. Vielleicht hilft es der Mutter, einige Minuten am
Tag für sich selbst zu finden. In dieser Zeit kann sie baden oder duschen, oder
einen kurzen Spaziergang machen. Oft wirkt das Wunder.
Tandemstillen verlangt Kreativität, eine positive Einstellung und etwas Humor.
Kann eine Mutter einen dieser Punkte oder alle drei einmal nicht aufbringen,
kann sie sich an jemanden wenden, der zuhört: ihren Mann, eine Freundin, eine
Stillberaterin, oder eine andere Mutter, die Erfahrung mit Tandemstillen hat.
Fühlt sich die Mutter trotz allem unwohl mit ihrer Situation und entscheidet
sich für das Abstillen ihres älteren Kindes, so findet sie im „Handbuch für die
stillende Mutter” im Abschnitt „Allmählich und mit viel Liebe” dafür
entsprechende Hinweise.
STILLEN IN DER SCHWANGERSCHAFT
UND
TANDEMSTILLEN
Ein Erfahrungsbericht von Maryam Al-Zahra Frenzel-Hassan,
LLL-Stillberaterin, Ritterhude
Meine Tochter Souad war 15 Monate alt, als ich wieder schwanger wurde. Sie
ernährte sich zu diesem Zeitpunkt noch hauptsächlich von Muttermilch. In dem
Maße, in dem nun die Milch schwangerschaftsbedingt zurückging, stieg ihr
Interesse an anderen Nahrungsmitteln und Getränken. Es kam mir von Anfang an
nicht in den Sinn, sie wegen der Schwangerschaft abzustillen; wir genossen beide
unsere Stillbeziehung sehr. Meine Frauenärztin war aber entsetzt angesichts
meiner Vorgeschichte (vorzeitige Wehen bei allen Schwangerschaften, Fehl- und
Frühgeburten) und warnte mich, dass das Stillen vorzeitige Wehen auslösen und /
oder verstärken würde. Die Kinderärztin empfahl ebenfalls sofortiges Abstillen
mit der Begründung, dass Stuten sofort von ihren Fohlen getrennt werden, wenn
sie wieder trächtig sind. Ich dachte nur: „Ich bin doch kein Pferd!” und
erwähnte das Stillen fortan einfach nicht mehr.
Schwieriger empfand ich den Umstand, dass auch mein Mann für das Abstillen war.
In seinem afrikanischen Heimatland wird ein Kind sofort abgestillt, wenn die
Mutter merkt, dass sie wieder schwanger ist. Die Eltern sind davon überzeugt,
dass sie Milch einer schwangeren Frau schädlich für das Kind ist. Immer wenn
Souad nun krank war, machten mir mein Mann und seine Verwandten Vorwürfe:
„Siehst du, das kommt nur, weil sie noch Muttermilch trinkt.”
Ich hatte die ganze Schwangerschaft hindurch vorzeitige Wehen, konnte aber nicht
beobachten, dass sie während des Stillens stärker oder heftiger wurden.
Die Brustwarzen wurden im Verlauf der Schwangerschaft immer empfindlicher,
besonders als im 6.Monat die Milch ganz versiegte, aber Souad trotzdem weiterhin
ausgiebig nuckelte.
Als Souad 2 Jahre und 2 Wochen alt war, wurde ihr Bruder Ahmad geboren. Vier
Wochen zu früh, aber gesund und munter, so dass wir zwei Stunden nach der Geburt
zu viert wieder zu Hause waren. Ich war nun sehr froh, dass Souad so begeistert
nuckelte, denn ihr Bruder war überaus schläfrig und hatte kaum Interesse an der
Brust. So kurbelte Souad die Milchproduktion für ihren Bruder an und ersparte
mir so das Pumpen. Ich stillte immer beide Kinder gleichzeitig. So löste Souad
den Milchspendereflex aus, und Ahmad brauchte nur zu schlucken. Als er vier
Wochen alt war, entdeckten wir, dass eine Kuhmilchallergie Grund für seine
Schläfrigkeit war (er hatte sich schon in der Schwangerschaft sensibilisiert).
Als ich Kuhmilchprodukte von meinem Speisezettel strich, war seine Schläfrigkeit
verschwunden, und endlich konnte er auch alleine so kräftig saugen, dass der
Milchspendereflex ausgelöst wurde. Ich sehnte mich nun danach, mein Baby auch ab
und zu „für mich alleine” zu haben und hoffte, Souads Interesse am Stillen werde
nach den ersten Wochen rasch abnehmen. Es störte mich, dass meine „Große” so
viel kräftiger saugte als das Baby.
Nachts wachten die Kinder zu unterschiedlichen Zeiten zum Stillen auf, und ich
war so müde! Nach einiger Zeit verliefen die Schlafzyklen von uns Dreien
synchron, und ich konnte die Kinder zur gleichen Zeit stillen. Souads Interesse
am Stillen nahm dann sehr allmählich ab. Als Ahmad drei Monate alt war, nuckelte
sie nur noch zum Einschlafen, und wenn sie nachts aufwachte, was aber immer
seltener vorkam. Und als ihr Brüderchen acht Monate alt war, hatte sie sich ganz
abgestillt.
Meine Gefühle in diesen acht Monaten waren sehr wechselhaft. Einmal war ich
überglücklich, beide Kinder stillend an der Brust zu sehen, Händchen haltend und
streichelnd; sie waren so friedlich, so zufrieden, kamen (und kommen) so gut
miteinander aus; der eine mag ohne den anderen nicht sein, nur minimale
Eifersucht. Dann wieder sehnte ich mich nach Zweisamkeit mit dem Baby allein,
erschrak über die Heftigkeit negativer Gefühle, die manchmal dem Stillen von
Souad gegenüber aufkeimten. Sie war so sehr fordernd, was ich mir eigentlich von
ihrem Bruder wünschte, denn er schien gar nichts lautstark zu fordern. Zwar
wusste ich, dass ein solches Wechselbad der Gefühle in einer Tandembeziehung
vorkommt, aber ich erkannte erst im Laufe der Zeit, dass es dadurch verstärkt
wurde, dass Souad und Ahmad so völlig verschieden sind. Bei Ahmads Geburt dachte
ich, ich wüsste alles über Babys, und im Grunde genommen erwartete ich mit ihm
eine Wiederholung der problemlosen Stillbeziehung mit Souad. Sie hatte ich von
Geburt an verstanden, bei Ahmad hatte es Monate gedauert, bis ich nicht mehr
glaubte, dass ich ihn nicht verstehen kann, und bis meine Gefühle ihm gegenüber
ebenso intensiv waren, wie die zu Souad.
Kurz vor Ahmads erstem Geburtstag wurde ich wieder schwanger, und die Milch ging
praktisch vom Tag der Empfängnis an zurück. Ahmad ließ sich aber nicht
ermutigen, er stillte die ganze Schwangerschaft hindurch, und ich blieb diesmal
von vorzeitigen Wehen ebenso verschont wie von empfindlichen Brustwarzen. Im
achten Monat erwies sich das Stillen als Lebensretter, als erst Ahmad und dann
ich an einer Lebensmittelvergiftung sehr schwer erkrankten. Außer Muttermilch
konnte Ahmad nichts bei sich behalten, und ich war froh, ihn mit der Brust
trösten zu können, denn zum Spielen, Erzählen, überhaupt zum Bewegen, war ich
nicht in der Lage. (Um Souad kümmerte sich die Oma.) Nach überstandener
Erkrankung ging es mir körperlich so schlecht, dass der Gynäkologe meinte, die
geplante Hausgeburt nicht mehr verantworten zu können. Eine große Enttäuschung,
hatte ich mich doch so auf eine Hausgeburt gefreut und vorbereitet. Viel später
als erwartet kam dann mein Sohn Abdul-Hamid ambulant zur Welt, mit Anzeichen
einer Übertragung, aber es ging uns beiden doch so gut, dass wir kurz nach der
Geburt wieder nach Hause fuhren. Seit der Geburt seines Bruders schläft Ahmad
(der vorher jede Nach 1-2mal aufwachte) wundersamerweise durch, so habe ich das
Baby nachts für mich allein, was ich durch die Ruhe und Stille in der Nacht
doppelt genieße, denn tagsüber ist es doch recht turbulent bei uns. Am Tage
trinkt Ahmad meistens mit Abdul-Hamid zusammen. Sobald Ahmad einen Ton vom Baby
hört, erinnert er mich: „Baby happ!” (= Baby muss gestillt werden!) und klettert
auf meinen Schoß, sobald ich mich zum Stillen hinsetze. Er kümmert sich rührend
um das Baby, schmust mit ihm, will es im Arm halten und zieht seinen Pullover
hoch, um das Baby und alle Puppen und Stofftiere selber zu stillen (zum
Entsetzen seiner großen Schwester, die immer empört sagt: „Männer können nicht
stillen!”). In den ersten Lebenswochen von Abdul-Hamid war Ahmad öfter krank,
und um Ansteckungen zu vermeiden, wusch ich die Brust jeweils nach dem Stillen
von Ahmad. Durch das häufige Waschen wurden die Brustwarzen aber wund. Außerdem
fragte ich mich, ob ich Ansteckung so überhaupt vermeiden kann, schließlich sind
die Krankheitserreger schon da (und werden übertragen), bevor ich bei Ahmad
erste Anzeichen einer Krankheit entdecke und mit „Waschmaßnahmen” beginne. In
Krankheitsphasen teile ich jetzt jedem Kind tagsüber eine Brust zu (die des
Babys ist dann viel größer), nachts nach dem Duschen bekommt man das Baby beide
Seiten.
Ich habe entdeckt, dass das Baby die Krankheiten seines Bruders und anderer
Familienmitglieder manchmal in ganz leichter Form durchmacht, manchmal bleibt es
ganz verschont. In wenigen Tagen feiert Ahmad seinen 2. Geburtstag, und
Abdul-Hamid wird dann 3 ½ Monate alt sein. Ich bin gespannt, wie es mit unserer
Tandem-Stillbeziehung weitergeht.
02.02.93
Maryam Al-Zahra Frenzel-Hassan
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